„Bewegung aus Freude… Aber wie zum Kuckuck soll das gehen?“ – Mein Selbstversuch

Nur weil ich Sport mache und mich bewege, heißt das nicht, dass ich ein gesunder Mensch bin.

Um ganz ehrlich zu sein, wenn Leute in den sozialen Medien Fotos von ihrem Essen oder Statusupdates über ihre sportliche Leistung posten, dann füllt mich das meistens mit einem eher schlechten Gefühl und Gewissensbissen – positives Körperbild hin oder her. Denn gesunde Ernährung und Sport sind schließlich wichtig. Das wissen wir alle. Gut, wie “gesund” diese Posts letztendlich wirklich sind, das sei dahingestellt. Denn eine Besessenheit von Essen und Sport, um das Gewicht zu reduzieren und seinem „Traumkörper“ ein Stück näher zu kommen, ist nicht gesund und sollte auch nicht damit gleichgesetzt werden. Ein gesunder Körper sieht bei jedem Menschen anders aus. Und das wissen leider nicht alle. Denn viel zu oft werden Schlankheit und gutes Aussehen fälschlicherweise mit Gesundheit gleichgestellt.

Essen und Sport waren in meinem Leben immer wieder Themen, die zu Gewissensbissen geführt haben, vor allem, wenn ich mich mit anderen verglichen habe: Wenn ich zum Beispiel gesehen habe, dass jemand, den ich für schlanker/ attraktiver/ in irgendeiner Form “besser” als mich gehalten habe, Salat gegessen hat, während ich mit meinem Handy in der Hand vor meinem zweiten Stück Kuchen saß, dann habe ich mich schlecht gefühlt. Wenn ich beim Herunterscrollen meiner Facebook-Newsfeed zum x-ten Mal gesehen habe, dass jemand wie-viele-Kalorien-auch-immer beim Trainieren verbrannt hat, dann habe ich mich schlecht gefühlt.

Fakt ist, ich habe – mein regelmäßiges Schwangerschaftsyoga vor 2 Jahren und etwas Standardtanz für Paare ausgenommen – 4 Jahre lang aktiv KEINEN Sport gemacht. Zum Vergleich: Früher bin ich 3-4x pro Woche joggen gegangen und habe zeitweise Fitness-Studios besucht.

– “Oh krass, das hätte ich nicht gedacht”, wird vielleicht eure Reaktion sein. Und nein, ich entspreche ästhetisch nicht der stereotypischen Vorstellung einer “couch potatoe”. ABER eines der Dinge, die wir lernen sollten, ist, Menschen nicht nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Die Körperform und das Gewicht einer Person sagen halt – ich wiederhole mich hier – nicht zwingend etwas darüber aus, wie gesund jemand ist oder lebt.

Dass ich über so eine lange Zeit keinen Sport gemacht habe, hatte zwei wesentliche Gründe:

  1. Ich war lange Zeit gesundheitlich sehr angeschlagen (Autoimmunkrankheit, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, ständige Mangelerscheinungen etc.); Dadurch fehlte mir schlichtweg die Energie, mich über mein alltägliches Normalmaß hinaus zu bewegen. Vor meiner Diagnose, als es mir besonders schlecht ging, habe ich mir eingeredet mich nicht hängen zu lassen und mich weiter zum Sport gezwungen. Bis ich zusammengebrochen bin. Da habe ich dann realisiert, dass ich vorsichtiger mit meiner Gesundheit umgesehen und mehr auf meinen Körper hören sollte (dass es auch immer erst so weit kommen muss…).
  2. Sport war für mich eigentlich immer ein Druck-Thema. Das heißt, ich habe Sport primär gemacht, weil ich abnehmen oder meinen Körper in irgendeiner Form attraktiver machen wollte. Hat aber nie geklappt, da ich mich selbst zu kritisch gesehen habe – Da hätte ich Sport machen oder abnehmen können ohne Ende und ich hätte mich trotzdem nicht anders gesehen.

Auf meiner Reise zu einem positiven oder zumindest neutralen Körperbild (sprich: Ich liebe nicht immer alles an mir, aber ich hasse nichts mehr an mir!) war das Thema Sportmachen deshalb immer ein eher unsicheres Überbleibsel, das häufig mit negativen Assoziationen behaftet war. Natürlich habe ich immer wieder versucht, mir zu verinnerlichen, was ich auch anderen geraten habe: “Bewegt euch aus Freude und nicht aus Druck heraus!”

Aber wie das ging, war mir ein Rätsel. Vor einiger Zeit habe ich mir dann vorgenommen, genau DAS herauszufinden und möchte diese Erfahrungen – diesen neuen Teil meiner “body image journey” – nun mit euch teilen.

Salopp gesagt: “Wenn ich zum Kühlschrank gehe, dann bewege ich mich auch”

Meine Reise begann damit, mich nicht mehr unter Druck zu setzen, Sport machen zu müssen und mich nicht mehr zu tadeln, wenn ich keinen Sport gemacht hatte. Vorwürfe helfen ohnehin nie, wenn man ein positives Verhältnis zu sich selbst entwickeln möchte.
Ich realisierte zudem, dass ich mich auch im Alltag auf ganz natürliche Weise viel bewegte: Treppensteigen, spazierengehen – ja, sogar wenn ich zum Kühlschrank gehe, bewege ich mich!
Doch all das hatte bei mir nie als “Sport” gegolten. Dabei sind es wichtige Bewegungselemente, die wir ruhig auch als solche anerkennen dürfen.
Und der große Vorteil war: Ich verspürte nicht den geringsten Druck dabei, denn es passierte einfach nebenbei. Mittlerweile als Mutter habe ich das Gefühl, mich tagsüber ohne es zu realisieren so viel bewege, wie noch nie in meinem Leben: Mit unserem Kind zu tanzen und zu springen, unserem Kind hinterher zu rennen, es zu tragen (Gott, ich hatte noch nie in meinem Leben Armmuskeln und war auch nie besonders erpicht darauf, dafür zu trainieren, aber mit einem Kind kommen sie ganz automatisch) – und es ist alles eine ganz natürliche Form der Bewegung, bei der ich keinen Druck empfinde.

Gesundheit umfasst mehr als den körperlichen Zustand

Um Problem Nummer 1, also meine fehlende Energie und meinen maroden Gesundheitszustand zu verbessern, fokussierte ich zudem auf meine Gesundheit. Aber nicht auf Gesundheit im Sinne von “schlank im Schlaf” oder “gesundes Abnehmen beginnt im Kopf”. Ich integrierte einfach mehr von den Dingen in meinen Alltag, die dazu führten, dass es MIR gut ging, sowohl körperlich als auch psychisch.

Wenn ich mich also nach einem super gesunden Fruchtsmoothie gut fühlte: Super!
Und wenn ich mich nach einem super leckeren Stück Schokokuchen gut fühlte: Auch super!
Wenn mir das Spazierengehen an frischer Luft gut tat: Atemberaubend!
Und wenn mir nach Chillen auf der Couch war: Himmlisch!

Doch natürlich war es nicht immer ganz so einfach. Zu jeder Reise gehören Höhen und Tiefen. Und schließlich hat uns unsere jahrelang gesellschaftlich antrainierte “Verbotskultur” viel zu lange vorgeschrieben, dass wir bestimmte Dinge nicht essen sollten, weil sie ungesund sind oder dick machen (oh ja, diese “Fett-Phobie” ist ein anderes Thema, dem ich mich irgendwann einmal in einem Blogpost annehmen werde). Zusätzlich dazu beigetragen haben unzählige Diät- und Ernährungsmythen und Trends, durch die kein Mensch mehr weiß, was wirklich gut für uns ist. Aber ich sag euch eins: Gut für euch ist, was euch in genau der Situation, in der ihr gerade seid, in genau diesem Moment glücklich macht. Und ich rede hier von einem ganzheitlichen Bild aus Bewegung, Ernährung, ENTSPANNUNG (ganz wichtig!!) und allem, was sonst noch Einfluss auf euer physisches und psychisches Wohlbefinden hat. Was genau das ist, könnt nur ihr selbst beantworten.

Übrigens hilft es manchmal auch schon, wenn wir einfach nicht mehr so viel Wichtigkeit auf manche Themen (z.B. Ernährung) legen. Sobald sie nicht mehr unser Denken dominieren, kommen nämlich unsere natürlichen Instinkte wieder zurück. Denn unser menschlicher Körper besitzt eine ganz wunderbare Fähigkeit: Er kann uns signalisieren, was wir brauchen. Allerdings müssen wir dazu wieder lernen, auf ihn hören. Ich finde es jedenfalls immer wieder faszinierend, dass ich ganz oft, wenn ich unter Eisenmangel leide, richtig Heißhunger auf rote Früchte bekomme.

Unsere natürlichen Instinkte wiederzuerwecken und auf unseren Körper zu hören anstatt ihm vorzuschreiben, was er zu dürfen hat, ist ein befreiender Schritt. Verbote führen schließlich nur dazu, dass wir Dinge nur noch mehr wollen.
Während der Schwangerschaft hatte ich einen besonders ausgeprägten Instinkt dafür, was mir gut tut und ich habe mich niemals mehr im Einklang mit mir selbst gefühlt.

Und dann das große Wow… Bewegung kann tatsächlich pure Freude sein…

Der letzte Schritt für mich war, dass ich mir vorgenommen habe, erst dann wieder joggen zu gehen, wenn ich wirklich das Gefühl habe, dass ich es möchte. Aus freien Stücken. Weil ich LUST darauf habe, mich zu bewegen.

Und dieser Tag war heute. Nach dem Frühstück erreichte mich ein wunderbares Feedback von einer Dame, die ich zum Nachdenken animiert hatte. Diese Nachricht hat meine body image Seele höherschlagen lassen und meiner Energie einen riesigen Boost verpasst. Noch dazu schien die Sonne und es waren wunderbare 15°C draußen – für mich eine perfekte Temperatur zum Laufen. Ich hatte entspannt gefrühstückt und war einfach gut drauf. Also brachte ich unseren Sohn zu seinem Tagespapa und entschied mich, danach eine Runde laufen zu gehen, ganz entspannt und in meiner eigenen Geschwindigkeit.

Und so kam es: James Blunt, die Sonne, der Wind, die Felder, der Wald und ich. Nur ich. Ich kann kaum beschreiben, wie wunderbar es war! Jede Mama weiß, wie selten diese Ich-Momente sind und wie kostbar sie sich anfühlen. Und ich habe es richtig genossen. In keinem Moment spürte ich Druck oder Unwohlsein. In meinem Kopf war nichts als Dankbarkeit und Freude. Ich habe sogar NACH dem Joggen ein Selfie gemacht, um das festzuhalten (s.u.).

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Und ich weiß, dass es gar nicht zwingend das Joggen war, das diese positiven Gefühle auslöste. Es war einfach das Gefühl, mich bewusst zu bewegen, meinen Körper zu spüren, dankbar zu sein und bewusst etwas für mich zu tun, worauf ich Lust hatte und was meiner Seele und meinem Körper gut tat. Eine Runde Yoga, Meditation, Schwimmen oder ähnliches hätte sicherlich genau dasselbe bewirkt, hätte ich mich in diesem Moment bewusst mit meinem Herzen dazu entschieden.

Natürlich liegt es nahe, nun wieder regelmäßig joggen zu gehen. Aber anstatt mir vorzunehmen, es nun wieder jede Woche „knallhart durchzuziehen“, werde ich wieder auf meinen Körper und meine Seele hören und schauen, wann mir wieder aus Freude danach ist. Denn ich möchte unter allen Umständen vermeiden, dass die Bewegung wieder zu Druck wird. Und vielleicht ist es beim nächsten Mal ja einfach ein Spaziergang oder eine entspannte Meditation auf der Couch, die mir diese Glücksgefühle bescheren.

Eines weiß ich: Damit Bewegung für mich zur Freude wird, brauche ich zwei Dinge: Lieblingsmusik und das innere Gefühl „ja, ich hab einfach sooooo Lust darauf!“

Was die sozialen Medien und Posts betrifft, die ich eingangs erwähnte: Wenn diese Inhalte Druck in euch auslösen, dann habt den Mut und „unfollowed“ oder reduzierte entsprechende User. Das geht zum Glück ja ganz einfach. Weitere Inspirationen dazu habe ich hier festgehalten.
Und erinnert euch einfach immer daran: Nur IHR zählt. Es ist EUER Leben, euer Körper, eure Gesundheit, euer Glück. In diesem Sinne: Habt einen wunderbaren Tag!

Weitere Tipps für mehr Körperselbstliebe findest du hier-6

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